Sexuelle Ausbeutung
Was ist sexuelle Ausbeutung
von Kindern?
Als sexuelle Ausbeutung von
Kindern wird jede Handlung einer erwachsenen Person mit oder an einem
Kind (oder an einer Jugendlichen, einem Jugendlichen) bezeichnet, die
der sexuellen Erregung oder Befriedigung der erwachsenen Person dient.
Diese ist einem Mädchen oder Jungen immer sowohl geistig als auch körperlich
überlegen. Genau diese Machtposition und die Abhängigkeit des Kindes nutzt
ein Täter oder eine Täterin zur Befriedigung eigener Bedürfnisse aus.
Häufig sind dies Bedürfnisse nach Macht und Dominanz, die mit dem Mittel
der Sexualität befriedigt werden.
Was gilt als sexuelle Ausbeutung?
Sexuelle Ausbeutung beinhaltet
ein ganzes Spektrum von sexuellen Handlungen mit oder an einem Kind, an
einer jugendlichen Person oder an einem Menschen, der auf den Schutz des
Täters oder der Täterin angewiesen ist. Ein Spektrum, das von sexuellen
Übergriffen ohne Körperkontakt bis hin zu den schwersten Formen von
oraler, vaginaler oder analer Vergewaltigung reicht. Als sexuelle Ausbeutung
ist zum Beispiel zu bezeichnen, wenn eine erwachsene (oder auch jugendliche)
Person:
-
mit einem Kind ein Pornovideo
betrachtet oder es dazu zwingt, sich für Pornoaufnahmen nackt auszuziehen;
-
ein Mädchen oder einen
Jungen dazu zwingt, ihr beim Masturbieren oder Geschlechtsverkehr
zuzusehen;
-
sich daran erregt, ihre
Geschlechtsteile in der Öffentlichkeit zu zeigen (Exhibitionismus);
-
sich am Körper eines Mädchen
oder Jungen reibt, um sich sexuell zu erregen oder zu befriedigen;
-
ein Mädchen oder einen
Jungen dazu zwingt, ihre Genitalien zu berühren oder es dazu bringt,
sich von ihm an Scheide und Brust (Mädchen) oder an Penis und Po (Junge)
berühren zu lassen;
-
ein Mädchen oder einen
Jungen zu oralem, analem oder vaginalem Geschlechtsverkehr zwingt
oder überredet.
Es gibt viele verschiedene
Formen und Facetten sexueller Gewalt, und nicht immer ist es für Aussenstehende
eindeutig ersichtlich, ob es sich um einen Fall von sexueller Ausbeutung
handelt oder nicht. Häufig beginnt sexuelle Ausbeutung beispielsweise
mit scheinbar zufälligen Berührungen an Brust oder Genitalien. Oder beim
Betrachten von Videos, Filmclips im Internet usw.
Viele Eltern und andere Erwachsene,
die Kinder und Jugendliche betreuen, sind deshalb verunsichert: Wo hört
Zärtlichkeit auf, wo beginnt die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen?
Diese Grenze lässt sich deutlich
ziehen, und sie erklärt sich durch die Absicht des Täters oder der Täterin:
Sexuelle Ausbeutung entsteht nicht fliessend aus dem zärtlichen Körperkontakt
mit einem Kind. Vielmehr planen die Täter ihr Vorgehen, sie suchen und
arrangieren Gelegenheiten dazu: Sexuelle Ausbeutung beginnt dort, wo sich
Erwachsene bewusst am Körper eines Kindes erregen, befriedigen oder befriedigen
lassen.
Wie viele Kinder sind von sexueller Ausbeutung betroffen?
Das Ausmass sexueller Ausbeutung
von Kindern ist in absoluten Zahlen nicht bekannt. Die so genannte Dunkelziffer
solcher Delikte ist sehr hoch. Gewiss ist: Es sind viele Mädchen und Jungen
betroffen. Heute wird angenommen, jede vierte bis fünfte Frau und jeder
zehnte bis zwölfte Mann habe in seiner Kindheit sexuelle Ausbeutung erlebt.
Darin eingerechnet sind auch einmalige übergriffe und solche ohne Körperkontakt,
wie etwa exhibitionistische Handlungen. Etwa zwei Drittel der Betroffenen
sind Mädchen, ein Drittel Jungen.
Am häufigsten betroffen sind jedoch Mädchen und Jungen im Alter von etwa
sieben bis zwölf Jahren. Ein Teil dieser Kinder und Jugendlichen erlebt
diese Form von Gewalt nur einmal. Die anderen Mädchen und Jungen müssen
sexuelle Ausbeutung wiederholt erdulden, manchmal über Jahre hinweg. Dies
ist umso eher der Fall, je näher der Täter oder die Täterin einem Opfer
steht.
In welchem Umfeld wird sexuelle
Ausbeutung ausgeübt?
Sexuelle Ausbeutung kommt überall
vor, unabhängig von ethnischer Herkunft, Bildung, sozialer Schicht und
religiöser Zugehörigkeit einer Familie. Zurückführen lässt sich sexuelle
Ausbeutung oftmals auf kinder- und frauenfeindliche Einstellungen, auf
die Ansicht etwa, Kinder seien Männern untergeordnet, Männer müssten in
der Sexualität dominieren und hätten ein Recht auf uneingeschränkte Bedürfnisbefriedigung.
Sexuelle Gewalt übt meist nicht
der "böse fremde Mann" aus, sondern es sind Väter, Stiefväter,
selten Mütter oder Stiefmütter, Brüder, Verwandte, gute Bekannte oder
Vertrauenspersonen wie Pfarrer, Trainer, Lehrpersonen, Betreuende. Bei
Jungen kommen die Täter oder Täterinnen überwiegend aus deren nahem sozialen
Umfeld und seltener aus der Familie als bei Mädchen. Bei etwa einem Viertel
sind die Täter Fremde.
Die Täter sind in den meisten
Fällen männlich, auch wenn sie Jungen ausbeuten. Sexuelle Gewalt üben
jedoch auch Frauen aus. Heute wird davon ausgegangen, dass bis etwa 10%
aller sexueller Gewalthandlungen gegen Mädchen von Frauen begangen werden,
bei Jungen liegt der Anteil der weiblichen Täterinnen bei bis zu 25%.
Welche Folgen
kann sexuelle Ausbeutung haben?
Im Gegensatz zur körperlichen
Gewalt, die meist Ausdruck einer momentanen überforderung und mangelnder
Aggressionskontrolle der erwachsenen Person ist und Folge eines unkontrollierten
Wutausbruchs sein kann, wird sexuelle Gewalt kaum ungeplant oder spontan
ausgeübt. Erwachsene, die sexuelle Gewalt ausüben, haben klare Strategien,
wie sie auf ein Kind zugehen wollen, wie sie sein Vertrauen gewinnen und
es gefügig machen können. Deshalb bedeutet sexuelle Ausbeutung für ein
betroffenes Kind immer einen massiven Vertrauensbruch und eine tiefe Verletzung
seiner körperlichen und seelischen Unversehrtheit.
Betroffene Kinder leiden nicht nur unter einem eigentlichen Chaos der
Gefühle, sondern auch unter vielfachen Ängsten. Zum Beispiel fürchten
sie sich vor der Wiederholung der sexuellen Gewalt, aber auch davor, dass
dem Täter oder der Täterin etwas zustossen werde, falls sie darüber redeten.
Oder sie befürchten zu Recht, die Aufdeckung der sexuellen Gewalt stürze
die ganze Familie in eine tiefe Krise, ganz besonders, wenn der Täter
oder die Täterin aus der Familie stammt. Diese Ängste und Gefühle von
Isolation, Ohnmacht und Schuld führen nebst dem Schweigegebot des Täters
oder der Täterin dazu, dass Kinder nicht oder nur verschlüsselt über die
erfahrene Gewalt reden. Sie befürchten, es werde ihnen nicht zugehört
oder nicht geglaubt – oder sie würden beschuldigt, "mitgemacht“ zu
haben, und dafür bestraft.
Wie kann man
sexuelle Ausbeutung von Kindern erkennen?
Kinder, die sexuelle Ausbeutung
erleiden, machen auf mannigfache Art auf die erfahrene Gewalt aufmerksam.
Jedes Mädchen und jeder Junge versucht auf eine ganz persönliche Weise,
sich gegen die sexuelle Ausbeutung zu wehren. Eindeutige Signale oder
auch Symptome gibt es kaum, sie sind so vielfältig wie die Kinder selbst
und hängen von ganz verschiedenen Faktoren ab, etwa vom Alter, Geschlecht
und von der Persönlichkeit eines Kindes. Nicht jede Form sexueller Ausbeutung
ist für jedes Kind gleich traumatisierend. Grundsätzlich gilt: Je näher
der Täter oder die Täterin einem Kind bekannt ist, je länger die sexuelle
Gewalt ausgeübt wird und je intensiver sie ist, desto schwerwiegender
sind die Folgen für die Betroffenen. Umgekehrt bedeutet dies, dass ein
frühzeitiges Erkennen und Stoppen von sexueller Ausbeutung die Folgen
für ein betroffenes Kind erheblich lindern können. Darum ist es für die
Betroffenen wichtig, dass ihre Aussagen und Hinweise ernst genommen werden.
Erwachsene müssen den Mut und die Bereitschaft aufbringen, hinzusehen
und Verantwortung zur Beendigung der Gewalt zu übernehmen. Es ist in jedem
Falle eines Verdachts oder eines konkreten Hinweises auf sexuelle Ausbeutung
ratsam, die Hilfe einer Fachperson in Anspruch zu nehmen.
Was tun, um
ein Kind vor sexueller Ausbeutung zu schützen?
1. Klären Sie das Kind auf
Ein wichtiger Schritt zur Verhinderung
sexueller Ausbeutung ist, Mädchen und Jungen aufzuklären – über ihren
Körper, über die menschliche Sexualität und über alle damit verbundenen
Aspekte. Ein Kind, das keine Sprache für Sexualität hat und Körperteile
und Berührungen nicht benennen kann, wird auch nicht über sexuelle Ausbeutung
reden können. Wichtig ist, dass die positiven, freudvollen Aspekte der
Sexualität und eine bejahende und lustvolle Einstellung zum eigenen Körper
im Vordergrund stehen. Wer seinen Körper kennt und lieb hat, dem ist es
auch eher möglich, "Nein" zu sagen, wenn eine Grenze überschritten
wird. Mädchen und Jungen muss vermittelt werden, dass sie in der Sexualität
ein Recht auf Selbstbestimmung haben und einen sorgsamen Umgang mit eigenen
und fremden Grenzen pflegen sollen.
2. Informieren Sie das Kind
Es ist von grosser Wichtigkeit,
Mädchen und Jungen über sexuelle Ausbeutung zu informieren. Dies soll
dem Alter und Entwicklungsstand eines Kindes entsprechend geschehen. Kinder
müssen in ihrer Position gestärkt, über ihre Rechte aufgeklärt werden,
und sie sind über Handlungsmöglichkeiten und Hilfsangebote zu informieren.
Liegt der Schwerpunkt der Informationen weniger auf Gefahren und Bedrohungen,
sondern vielmehr auf den Handlungsmöglichkeiten und Rechten der Kinder,
so erzeugen diese auch weniger Angst. Gut informierte, unabhängige und
selbstsichere Kinder sind weniger gefährdet, Opfer sexueller Ausbeutung
zu werden als angepasste und emotional unsichere Mädchen und Jungen. Natürlich
reicht es nicht, Kinder lediglich einmal davor zu warnen, was bei sexueller
Ausbeutung geschehen könnte. Vielmehr sollte das Thema in all seinen Facetten
im Alltag präsent sein und immer wieder angesprochen werden.
Im Folgenden finden Sie diese sieben Ansatzpunkte, formuliert als direkte
Botschaften an Kinder und Jugendliche:
1. Dein Körper gehört dir!
Du bist wichtig und dein
Körper ist einzigartig und wertvoll. Du kannst stolz auf ihn sein. über
deinen Körper entscheidest du allein, und du hast das Recht zu bestimmen,
wie, wann, wo und von wem du angefasst werden möchtest.
Ein gutes Körperbewusstsein
bildet die Grundlage für ein gutes Selbstbewusstsein. Ein sicheres und
selbstbewusstes Körpergefühl hilft, Grenzverletzungen klarer wahrzunehmen
und sich dagegen zu wehren.
2. Deine Gefühle sind wichtig!
Du kannst deinen Gefühlen
vertrauen. Es gibt angenehme Gefühle, da fühlst du dich gut und wohl.
Es gibt aber auch solche, die sind unangenehm. Du hast das Recht, komische
oder unangenehme Gefühle zu haben und kannst ihnen vertrauen. Sie sagen
dir, dass etwas nicht stimmt und dir nicht gut tut. Du darfst deine
Gefühle ausdrücken und mit uns darüber sprechen, auch wenn es schwierige
Gefühle sind und du glaubst, dass sie nicht zu einem Mädchen oder einem
Jungen passen.
Kinder spüren sehr genau,
wenn ihnen etwas unangenehm ist oder eigenartig vorkommt. Sie sollen
darin bestärkt werden, ihre Gefühle wahrzunehmen, sie zu äussern und
ihnen zu vertrauen. Mädchen und Jungen, die lernen, auf ihre Empfindungen
zu achten und sie als Massstab für ihr Handeln zu nehmen, lassen sich
weniger leicht zu sexuellen Handlungen überreden.
3. Angenehme und unangenehme
Berührungen
Es gibt Berührungen, die
sich gut anfühlen und die richtig glücklich machen. Solche Berührungen
sind für jeden Menschen wichtig. Es gibt aber auch solche, die unangenehm
sind, dich verwirren, dir Angst machen oder sogar weh tun. Solche Berührungen
darfst du zurückweisen. Kein Erwachsener hat das Recht, seine Hände
unter deine Kleider zu stecken und dich an der Scheide, am Penis, am
Po oder an deiner Brust zu berühren. Es gibt Erwachsene, die möchten
von dir so berührt werden, wie du es nicht willst, zum Beispiel an ihren
Geschlechtsteilen. Niemand hat das Recht, dich dazu zu überreden oder
zu zwingen, auch wenn du diesen Menschen kennst und gern hast.
Das Selbstbestimmungsrecht
über den eigenen Körper ist zentral in der Prävention sexueller Ausbeutung.
Die Information, dass ein Kind sich Berührungen, die ihm unangenehm
sind, nicht gefallen lassen muss, sollte Anlass sein, sexuelle Ausbeutung
konkret zu benennen. Es gibt allerdings Körperkontakte, die lassen sich
nicht vermeiden, so z.B. die ärztliche Untersuchung.
4. Das Recht auf Nein
Du hast das Recht, "Nein"
zu sagen. Wenn dich jemand gegen deinen Willen anfassen will oder Dinge
von dir verlangt, die du nicht tun willst, dann darfst du Nein sagen
und dich wehren. Lass uns gemeinsam überlegen, in welchen Situationen
es sinnvoll ist, nicht zu gehorchen und mit welchen Mitteln du dich
wehren kannst.
Sexuelle Ausbeutung ist eine
Grenzüberschreitung und Neinsagen ist eine notwendige Grenzziehung.
Mädchen und Jungen sollen darin bestärkt werden, eigene wie auch fremde
Grenzen zu spüren, ernst zu nehmen und zu respektieren.
5. Es gibt gute und schlechte
Geheimnisse
Es gibt gute Geheimnisse,
die Freude machen und spannend sind, zum Beispiel wenn du jemanden mit
einem Geschenk überraschen willst. Schlechte Geheimnisse bedrücken und
machen Angst, sie fühlen sich schwer und unheimlich an. Solche Geheimnisse,
die dir ein ungutes Gefühl geben, sollst du unbedingt weiter sagen,
auch wenn du versprochen hast, es nicht zu tun. Das hat nichts mit Petzen
zu tun.
Der Geheimhaltungsdruck ist
ein zentraler traumatisierender Faktor bei sexueller Ausbeutung. Gleichzeitig
ist er Ausdruck des Wissens des Täters um die Strafbarkeit seiner Handlungen.
Die Unterscheidung in gute und schlechte Geheimnisse soll Kindern helfen,
sich diesem Druck zu widersetzen, und dient der Aufdeckung von tabuisierten
Themen.
6. Das Recht auf Hilfe
Wenn dich ein schlechtes
Geheimnis belastet oder du etwas Unangenehmes erlebt hast, bitte ich
dich, es mir oder einer anderen Person, der du vertraust, zu erzählen.
Dann können wir dir helfen. Höre bitte nicht auf zu erzählen, bis dir
jemand glaubt. Lass uns gemeinsam überlegen, mit welchen Menschen du
über "schwierige" Dinge reden kannst.
Gut informierte und selbstbewusste
Kinder können sich unter Umständen gegen die Anfänge von sexueller Ausbeutung
wehren. Dennoch kann jedes Kind in eine Situation kommen, in der es
Hilfe braucht. Wichtig für Mädchen und Jungen ist der Hinweis, dass
sie in Schwierigkeiten Hilfe suchen und mit einer Person ihrer Wahl
über ihre Probleme reden sollen.
7. Du bist nicht schuld!
Wenn du es erlebt hast oder
es dir passiert, dass ein Erwachsener oder ein älteres Kind dir sexuelle
Gewalt zufügt, so bist du nicht daran schuld. Auch dann nicht, wenn
du versucht hast, dich zu wehren. Es gibt Erwachsene, die übergehen
trotzdem deine Grenzen. Vielleicht konntest du dich auch nicht wehren,
weil deine Angst zu gross war. In keinem Fall bist du an der Ausbeutung
schuld, egal was der Täter oder die Täterin behauptet. Die erwachsene
Person trägt immer die Verantwortung für das, was sie dir angetan hat.
Der Glaube an die
Mitschuld des Opfers hält sich hartnäckig — nicht nur bei den Betroffenen
selbst. Sie müssen von Schuldgefühlen entlastet werden, und die Verantwortung
für die erlittene Gewalt ist klar dem Täter oder der Täterin zuzuweisen.
Alle diese Botschaften
beinhalten Themen, die Eltern und Bezugspersonen von Kindern gut in ihren
Erziehungsalltag einfliessen lassen können. Es handelt sich um Inhalte,
die aus unterschiedlichem Anlass, in jedem Alter und in vielen alltäglichen
Situationen angesprochen werden können. Denken
Sie aber daran, dass Sie als erwachsene Person einem Kind als Vorbild
dienen. Kinder und Jugendliche lernen vor allem dann, wenn sie das Gesagte
auch erleben. So ist es z.B. von ausschlaggebender Bedeutung, wie behutsam
und respektvoll Sie selbst mit Ihren eigenen Grenzen und denjenigen eines
Kindes umgehen.
Sexuelle Ausbeutung zu verhindern
bedeutet nicht nur, die möglichen Opfer zu stärken, sondern ebenso zu
verhindern, dass ein Kind später selbst zum Täter wird. Jungen wie Mädchen
werden auf ein ganz bestimmtes Spektrum an Verhaltensweisen und Ausdrucksformen
eingeengt und festgelegt. Ein "richtiger" Junge etwa soll sich
nicht ängstlich oder hilflos, sondern draufgängerisch und erfolgsorientiert
verhalten. "Richtige" Mädchen hingegen fluchen und schreien
nicht, sie sind einfühlsam und fürsorglich, suchen weniger den beruflichen
Erfolg als die Erfüllung in Familie und Haushalt. Die klischeehafte Darstellung
zeigt es: Herkömmliche Rollenbilder engen ein.
Eine Erziehung, die Geschlechterbilder
und -rollen hinterfragt, die Jungen und Mädchen zu gleichgestellten Partnerinnen
und Partnern macht, ist demnach ein wichtiger Beitrag zur Verhinderung
sexueller Ausbeutung: Kinder lernen, einander zu respektieren und zu achten
und die ganze Palette an Verhaltensweisen und Gefühlen zeigen zu können.
Was tun, wenn es bereits geschehen
ist?
Das Wissen darüber, dass sexuelle
Gewalt ausgeübt wird, oder auch nur ein entsprechender Verdacht erzeugen
einen enormen Druck. Leider sind überstürzte Schritte wenig hilfreich
für ein betroffenes Kind und bewirken genau das Gegenteil von dem, was
sie eigentlich beabsichtigen, nämlich die sexuelle Ausbeutung zu beenden.
Beachten Sie darum folgende Grundsätze, wenn Sie von sexueller Ausbeutung
erfahren:
-
Glauben Sie dem Kind! Kinder
sagen in solchen Fällen in der Regel die Wahrheit, sie erfinden erlittene
sexuelle Gewalt nicht. Gerade kleineren Kindern sind Details über
sexuelle Handlungen normalerweise nicht bekannt. Das Kind ist darauf
angewiesen, dass ihm jemand Glauben schenkt.
-
Überstürzen
Sie nichts! Ruhe und Besonnenheit sind jetzt besonders wichtig. Lassen
Sie sich Zeit, sich zu informieren und beraten zu lassen und zu überlegen,
wie Sie dem Kind am besten helfen können. Panik oder überstürzte Reaktionen
können das Mädchen oder den Jungen wieder zum Schweigen und in eine
noch schwierigere Situation bringen als zuvor.
-
Holen Sie sich Hilfe! Nicht
nur das betroffene Kind, sondern auch Sie selbst benötigen jetzt Hilfe.
Sie brauchen mit diesem Problem nicht allein zu bleiben, sondern Sie
haben ein Recht auf Beratung und Unterstützung. Wenden Sie sich an
eine Beratungsstelle, die Ihnen weiterhelfen kann. Ein Verzeichnis
von geeigneten Stellen in Ihrem Kanton finden Sie auf den nachfolgenden
Seiten.
-
Das Mädchen oder der Junge
ist nicht verantwortlich für das, was ihm passiert ist. Machen Sie
dem Kind keine Vorwürfe, auch dann nicht, wenn es Ihnen vielleicht
erst spät davon erzählt hat. Loben Sie es für seinen Mut, Ihnen davon
zu berichten, und nehmen Sie eindeutig Partei für das Kind. Die Verantwortung
für sexuelle Ausbeutung liegt immer bei der erwachsenen (oder allenfalls
jugendlichen) Person.
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Denken Sie daran, dass
das oberste Ziel all Ihrer Bemühungen immer der Schutz des Kindes
vor weiterer Gewalt sein soll. Das gelingt allerdings nicht immer,
und darum ist es umso wichtiger, ruhig und überlegt vorzugehen, um
den bestmöglichen Weg zu finden, wie dem betroffenen Mädchen oder
Jungen geholfen werden kann. Glücklicherweise gibt es heute in vielen
grösseren Städten spezialisierte Beratungsstellen und kantonale Opferhilfestellen,
bei denen Sie in einer solchen Situation die nötige Hilfe und Unterstützung
finden.
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